Die zehn Prinzipien
des Yang-Stils
Originaltext
stammt aus der Feder
von
Dr. Stephan Langhoff - Tai Chi Dachverband Hamburg
(Reihenfolge der Prinzipien so von Yang Zhenduo weitergegeben)
1)
Den Kopf gerade aufrichten
Der
Grundgedanke ist, dass der Kopf sich streckt, sodass der Nacken gerade
wird. Dies soll natürlich vor sich gehen und darf nicht
erzwungen
aussehen. Der Blick geht geradeaus und soll nicht starr oder
„tot“ wirken. Es ist als ob man etwas auf dem Kopf
balancieren würde. Im Kopfbereich und besonders im Blick kann
sich
dann der Wille oder Geist ("spirit") manifestieren. Der Mund bleibt auf
eine natürliche Art geschlossen. Die Zunge wird nach oben
gebogen,
sodass die Zungenspitze hinter die oberen Zähne zu liegen
kommt.
Auch dies soll nicht übertrieben werden, sondern sich auf eine
natürliche Art einstellen. Bei abwärts
stoßenden
Bewegungen wie etwa „Nadel in den Meeresboden“
folgen Blick
und Kopf der Bewegungsrichtung.
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2)
Die Ruhe in der Bewegung
Tai
Chi ist Meditation, eine “Stille-Übung”,
wie man im
Osten sagt. Das „Qi“ (Lebensenergie, Atem) soll in
das
„Dantien“ (Unterbauch, Kraftzentrum) sinken. Als
gewünschte Folge stellt sich ein stabilisierendes
Gleichgewicht
ein sowie eine ruhige, stetige Atmung. In dem Bewegungablauf
ohne
körperliche Anstrengung und Anspannung wird auf schonende,
natürliche Art die Atmung harmonisiert, intensiviert und
angepaßt. Diese „Bauchatmung“
soll als voll und
angenehm empfunden werden und sollte nicht passend zum Rythmus der
Bewegungen „gemacht“ oder erzwungen werden. Bei
genügender Praxis wird sie sich „von
selbst“
einstellen. Sie läßt sich für
Anfänger besonders
leicht bei der Eröffnung üben: Beim Heben der Arme
wird
eingeatmet und beim Senken aus. Zudem wird die „geistige
Mitte“, das innere Gleichgewicht auf eine heiter-gelassene
Art
gestärkt: Man schafft ein unerschütterliches
Bewußtsein, Offenheit und Flexibilität - und stellt
sein
eigenes Ego in den Hintergrund. Es geht um die Beruhigung der
Emotionen. Vorbild ist eine ruhige Wasseroberfläche, die alles
unverfälscht widerspiegelt.
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3) Die Schultern, Ellbogen und
Handgelenke senken
Dieses
Prinzip hilft nachhaltig, den häufig zu beobachtenden Fehler
zu
vermeiden, dass man unbewußt die Schultern anhebt und
anspannt.
Das Tai Chi wird dadurch kraftlos und die Bewegung ist keine
Ganzkörperbewegung mehr. Bei den Ellbogen ist zu beachten,
dass
sie weder allzu passiv hängen gelassen werden noch zu steif
nach
außen gedreht werden. Oft äußert sich
diese
„Steifheit“ auch in der Haltung der
Handflächen, des
Handgelenks und der Finger und mindert so auch die
Wirksamkeit
als Kampfkunst beim Stoßen und Greifen.
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4)
Die Brust senken - Rücken dehnen
Der
Brustkorb soll auf natürliche Weise gehalten werden, d.h.
weder
künstlich herausgestreckt noch zu sehr nach innen eingesunken
sein. Auf diese Weise können sich die Schultern frei bewegen.
Im
Rücken soll sich ein rundes und gleichzeitig gestrecktes
Gefühl einstellen: Von der Hüfte aufwärts
kann so die
innere Kraft aus der Wirbelsäule bis in die Finger aufsteigen
und
es
kommt zu der angestrebten Ganzkörperbewegung.
Meister FU
sagt: „Wie eine Katze vor dem Sprung auf die
Maus...“
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5) Das Kreuz entspannen
Dieses
Prinzip wird als das wichtigste angesehen! Ein entspanntes Kreuz sorgt
für eine stabile, zentrierte Körperbasis und verleiht
die
angestrebte innere Spannkraft. Bei angespanntem Kreuz kann das Qi nicht
sinken und die Kraft kann nicht übertragen werden. Hilfreich
ist
das Massieren des "Mingmen".
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6) Die Leere und Fülle
unterscheiden
Dieses
Prinzip behandelt das für Tai Chi typische
Verla
gern des Körpergewichts auf lediglich ein Bein. Dies
ermöglicht ja erst die anmutigen, fließenden
Schrittfolgen -
besonders wenn sie, wie gefordert, in Zeitlupe
ausgeführt
werden. Dabei wird das belastete Bein als voll und das unbelastete als
leer bezeichnet. Ihr stetig wechselndes Zusammenspiel ist ein wichtiger
Aspekt der Yin-Yang-Theorie, die dem Tai Chi zugrundeliegt. Viele
Zusatzpunkte gehören hierher, z.b. die
Fußhöhlung und
das Nachaußendrücken der Knie.
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7)
Inneres und Äußeres verbinden
Der
Körper
repräsentiert das Äußere. Es soll mit dem
Inneren eine
harmonische Einheit bilden. Mit dem Inneren ist der Geist, das
Bewußtsein gemeint und insbesondere die ruhig-konzentrierte
Absicht, die vorgeschriebenen Bewegungen auszuführen. Die
Kultivierung des Willens ist somit ein zentraler Punkt. Der Geist
führt und der Körper führt aus, ohne dass
sozusagen ein
Haarbreit dazwischen liegt. Hier zeigt sich die ursprüngliche
Verbindung des Tai Chi zur Kampfkunst, wo es um Leben oder Tod ging.
Das Innere soll sein wie ein verborgenes Schwert. Anders formuliert:
Der Ausführende sollte ganz bei der Sache sein, mit Ernst und
Hingabe wie ein guter Schauspieler (Vergleich von Yang Zhenduo).
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8)
Kraft des Geistes statt Körperkraft
Es geht beim
Tai Chi nicht
um den Einsatz bloßer, ungeschulter Körperkraft,
denn diese
führt zu steifen Bewegungen, sondern es geht um die Nutzung
der
Qi-Energie, die in den Meridianen im entspannten Zustand am
besten fließen kann und mithilfe des Geistes kontrolliert und
kanalisiert werden soll. Dieser gelöste und
entspannte
Zustand darf jedoch, so betont Yang Zhenduo immer wieder, nicht mit
Schlaffheit verwechselt werden! Die „innere
Kraft“
soll vielmehr mit einem dosierten Maß von Muskelkraft
kombiniert
werden. Dies wird erst durch vieles und intensives
Üben voll
entwickelt und ist dem Schmieden und Härten von Stahl
vergleichbar. Man sagt: „Die Arme sind wie Eisen in Watte
verpackt“. Die Sehnen, Knochen und Muskeln müssen
dabei
koordiniert in einer Ganzkörperbewegung ähnlich einer
Meereswoge oder einem prallen Ballon zusammenwirken.
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9)
Unten und oben des Körpers koordinieren
Anfänger
begehen oft
den Fehler, dass sie zwar die Arme langsam und
gleichmäßig
bewegen, aber bei den Schritten abrupte oder schnellere Bewegungen
ausführen. Dies macht jedoch die geforderte
Ganzkörperbewegung unmöglich. Hilfreich ist
hierbei die
genaue Berücksichtigung der Hüftbewegung. Die Wurzel
der
Bewegung liegt in den Füßen und soll über
die
Hüfte und die Wirbelsäule in die Arme gehen. Sie
zeigt sich
in den Händen! Hilfreich ist hier auch die Vorstellung der
"Sechs
Harmonien".
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10)
Bewegung ohne Anfang und Ende
Bei
anderen
Kampfkünsten sind Beginn und Ende einer Technik oft klar
erkennbar. Klar festgelegt sind sie auch beim Tai Chi, nur werden sie
in einer steten Bewegungsfolge ausgeführt entsprechend einem
langsam strömendem Fluß oder einem Kreis, der nicht
endet.
Sie verschmelzen zu einer Einheit, als würde man einen langen
Seidenfaden aus einem Kokon ziehen. Die Endpunkte der Tai-Chi-Figuren
sind also ideell und dauern nur „ein Blitzlicht“
lang, ohne
dass es tatsächlich zu einem Anhalten kommen soll.
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